Doppeldiagnosen

Geistige Behinderung und psychische Erkrankung

Ein Beitrag von Melanie Lindemann

Im Zuge des Paradigmenwechsels, erweitert durch den Inklusionsgedanken, ist es gelungen den Begriff der geistigen Behinderung in allen Bereichen der Behindertenhilfe neu zu betrachten.

In der Vergangenheit wurde die Diagnose der geistigen Behinderung häufig für sämtliche Verhaltensmerkmale & Verhaltensweisen als Erklärungsansatz verwendet – und dies nicht selten im Sinne von Erkrankung. Zeigte der geistig behinderte Mensch zum Beispiel Trotz & Widerstand, so wurde es interpretiert als ein Symptom seines Behinderungsbildes. Diese sehr einfache und einseitige Sichtweise hat den Blick für vielfältige Assistenz- und Teilhabekonzepte versperrt.

Mit der heutigen Betrachtungsweise, die eine geistige Behinderung als Entwicklungsstörung in den Bereichen der intellektuellen, sozialen & lebenspraktischen Fähigkeiten beschreibt, wurden die Türen für neue, pädagogische Erklärungsansätze und -modelle geöffnet.

Kurz gesagt: Die interdisziplinäre Arbeitsweise hat Einzug in die Arbeit mit Menschen mit Assistenzbedarf erhalten. Im Zuge dessen hat das Thema Doppeldiagnosen, Menschen mit einer geistigen Behinderung und psychischen Erkrankung, deutlich an Aktualität gewonnen. Verhaltensweisen und Ausdrucksformen werden nun nicht mehr nur als ein Teil der Behinderung und Persönlichkeit angesehen, sondern es wird vor allem in Betracht gezogen, dass der Mensch zusätzlich unter einer psychischen Erkrankung leiden könnte. Somit entfernen wir uns von einfachen Denkmustern, die beispielsweise eine langanhaltende Lust- oder Motivationslosigkeit eher als Persönlichkeitsmerkmal oder Durchhänger beschreiben würde, anstatt von einer möglicherweise beginnenden Depression zu sprechen.

Diese Betrachtungsweise eröffnet viele Chancen für eine klientenzentrierte und bedarfsgerechte Assistenz, gleichermaßen weckt sie bei Mitarbeitenden aber auch viele Ängste und Unsicherheiten. Mitarbeitende sozialer Einrichtungen müssen sich plötzlich mit psychiatrischen Krankheitsbildern auseinandersetzen, diese verstehen lernen und Antworten auf Verhaltensweisen finden, zu denen sie aber bisher keinen pädagogischen Zugang fanden. Im Arbeitsalltag entstehen dadurch auch heute noch häufig Überforderungssituationen und Zweifel an der eigenen Kompetenz. Diese neue Themenwelt wirft viele Fragen auf.

Unsere Workshops zu dem Themenkomplex sind darauf ausgerichtet, bestehende Handlungsspielräume wieder neu zu entdecken, durch entwicklungspsychologische Ansätze zu erweitern und eine gute Balance zwischen Intuition und Fachwissen zu finden. Diagnosen bieten uns die Möglichkeit, in andere Richtungen zu denken und interdisziplinär zu arbeiten, die individuelle und pädagogische Auseinandersetzung darf dabei aber nicht verloren gehen – sondern muss im Focus der Betrachtung bleiben.